1918-33

[Gemälde: Hans Grundig "Vor dem Tor", 1932]

[Lithographie: George Grosz "Hunger"]

[Litographie: Karl Holtz "Arbeitslosendemonstration", 1920]

[Gemälde: Paul Fuhrmann "Kriegsgewinnler", 1932]

[Plakat: Strohhutmode, 1925]

[Blechdose für Zigaretten, 1925-1930]

[Postkarte: AEG Staubsauger Vampyr, um 1929]

[Postkarte: AEG Bügeleisen, um 1929]

[Postkarte: AEG Kochherd, um 1929]

[Photo: Arbeiter am Sonntag, um 1930]

[Video: Mode und Tanz]

[Video: Arbeitslosigkeit und Spekulantentum]

[Video: Freizeitvergnügen]

[Video: Hunger und Unterernährung]

[Video: Inflation, 1923]

[Video: Normalisierung nach der Inflation]

[Video: Berlin 1919-1933]





































Alltagsleben


Die Gesellschaft der Weimarer Republik war eine zutiefst gespaltene. Wirtschaftliche Not bestimmte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg den Alltag eines Großteils der Deutschen. Dem auch während der ”Goldenen Zwanziger” grassierenden Elend der am Rande des Existenzminimums lebenden Arbeiterfamilien stand eine Kunst- und Kulturszene mit einem avantgardistischen Lebensstil kaum dagewesener Intensität gegenüber. Ebenso wie der Freizeit- und Vergnügungsbereich immer konkretere Formen annahm, wuchsen in einer durch Technikbegeisterung geprägten Zeit die Möglichkeiten der Kommunikation und der Motorisierung. Mit dem Automobil oder dem Motorrad, dem beliebtesten Verkehrsmittel der Weimarer Republik, unterwegs zu sein, bedeutete Unabhängigkeit und Flexibilität.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs waren im Alltagsleben der Deutschen nach Kriegsende stets präsent. Kriegsversehrte prägten ebenso das Straßenbild wie unterernährte Kinder und Erwachsene, die nach den entbehrungsreichen Jahren der staatlichen Nahrungsmittelrationierung sehnsüchtig auf ausreichende Mahlzeiten und einen vollen Speiseplan hofften. Der chronische Mangel an Grundnahrungsmitteln förderte Hamsterfahrten und einen regen Schleichhandel, bei dem sämtliche Arten von Wertgegenständen gegen Kartoffeln, Eier, Mehl oder Zucker getauscht wurden. Arbeitslosigkeit sowie Hunger und Elend führten zu einer Kriminalisierung des Alltags, bei dem im Kampf ums nackte Überleben Diebstähle von Lebensmitteln und Plünderungen von Geschäften mancherorts gravierende Ausmaße annahmen. Die galoppierende Inflation verschärfte 1923 die Situation und machte über Nacht Millionen vormals kaufkräftiger Bürger und von Vermögenszinsen lebender "Rentiers" zu Bettlern, während Spekulanten und Kriegsgewinnler ihren neuen Reichtum in Amüsierbetrieben schamlos zur Schau stellten.

Die psychologischen Folgen der Geldentwertung waren für einen Großteil der Deutschen ebenso tiefgreifend wie 1918 die unerwartete Kriegsniederlage, die das nationale Selbstwertgefühl verletzte. Massenvernichtung und Selbstbehauptung in den Materialschlachten prägten die Frontsoldaten ihr Leben lang. Das Kriegserlebnis kompensierten Millionen von ihnen in einem nachgemachten Soldatentum, zunächst in Freikorps, später in Kriegervereinen oder paramilitärischen Verbänden wie dem Stahlhelm. Andere schworen sich, nie wieder zu den Waffen zu greifen, und ereiferten sich für den Pazifismus. Unter dem Motto "Nie wieder Krieg" versammelten sie sich alljährlich zu Massenkundgebungen. Demonstrationen und Aufmärsche verschiedenster politischer Gruppierungen, die durch Präsenz auf der Straße ihre Stärke beweisen wollten, gehörten ebenso zum alltäglichen Erscheinungsbild der Weimarer Republik wie die durch häufigen Wechsel der Kabinette bedingten monströsen Wahlagitationen der Parteien.

Der Alltag für weite Bevölkerungskreise wurde in den zwanziger Jahren zunehmend von einer konsum- und freizeitorientierten Massenkultur bestimmt, die mit neuen Medien das Bedürfnis der Menschen nach Unterhaltung und Entspannung befriedigte. Mitte der Zwanziger gingen täglich etwa zwei Millionen Menschen in die Kinos. Ein finanzkräftiges Bürgertum besuchte die Opernhäuser und die Theater oder amüsierte sich in den zahlreichen Revuen der Großstädte. Ihren Vormarsch traten ab 1923 die Rundfunkgeräte an. Sportgroßveranstaltungen und Konzerte konnten durch Übertragungen einem Massenpublikum übermittelt werden. Zusammen mit Schallplatten förderte der Rundfunk die Verbreitung sich schnell abwechselnder Schlager und Tänze wie des Charleston oder des beliebten Shimmy.

Wichtigste Informationsquelle für die Bevölkerung waren die ca. 3.400 im Deutschen Reich erscheinenden Tageszeitungen. Auflagenstärkste war mit 400.000 Exemplaren die "Berliner Morgenpost". In den publizistischen Vordergrund traten neuartige Zeitschriften und Illustrierte mit zahlreichen Bildreportagen. Das Bedürfnis nach visueller Erfahrung wurde auch von der Werbung befriedigt, die mit Leuchtreklamen, Werbefilmen oder mit großformatigen Plakaten und Anzeigen eine neue Form der Kommerzialisierung etablierte.

Vielfach verwischte die Massenkultur die Milieugrenzen zwischen arm und reich, Stadt und Land, Arbeiterschaft und Bürgertum. Ins Kino gingen Menschen aller Klassen und Schichten, und sie alle sangen denselben Schlager oder lasen dieselben Boulevardblätter. Dennoch dominierten in der Weimarer Republik soziale und ideologische Klassengegensätze, die nach 1918 in den Parteien als Trägern der politischen Macht manifestiert wurden. Klassenbewußt wie zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. präsentierte sich die alte gesellschaftliche Oberschicht aus adligem Großgrundbesitz und bürgerlichem Unternehmertum, die ungebrochen an ihren Riten und ihrem sozialem Habitus festhielten. Politisch sahen sie sich durch die monarchistische Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) vertreten. Das heterogene mittelständisch-bürgerliche Milieu umfaßte das Handwerk, den Kleinhandel, das Beamtentum und die Angestellten. Charakteristisch für die Mittelschichten war das breite Spektrum der von ihnen bevorzugten Parteien, obwohl sie traditionell den Kern des politischen Liberalismus bildeten.

Klassenbewußtsein prägte vor allem einen Großteil der Arbeiterschaft, die etwa 45 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung im Deutschen Reich ausmachte. Sie bildete in den zwanziger Jahren das soziale Fundament der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). In einem dichten Netz von Organisationen und Vereinen entstand ein sozialistisches Milieu, das sich bewußt als Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Alltagsnormen verstand und das alltägliche Leben des Arbeiters "von der Wiege bis zur Bahre" begleiten wollte. Praktische Hilfe im Alltag bot die 1919 gegründete Arbeiterwohlfahrt (AWO) an. Die Einführung des Achtstundentags ermöglichte es in der Weimarer Republik auch Arbeitern, sich nach Feierabend einer aktiven Freizeitbeschäftigung zu widmen. Arbeitergesangsvereine mit einem breitem Repertoire an Kampfliedern, der Arbeiter-Turn- und -Sportbund (ATSB) oder der Rad- und Kraftfahrerbund "Solidarität" prägten das Freizeitverhalten dabei ebenso nachhaltig wie die besonders in der Arbeiterschaft beliebte Taubenzucht.

Trotz angehobener Stundenlöhne erreichte der Reallohn der unteren Einkommensschichten aufgrund stetig steigender Lebenshaltungskosten erst 1928 den Stand von 1914. Für die Arbeiter und kleinen Handwerker gab es kaum Möglichkeiten, ihren engen Wohnungen in den dunklen Mietskasernen der Großstädte zu entfliehen. In den städtischen Ballungszentren herrschte seit Kriegsende zudem eine verheerende Wohnungsnot. Die sprunghafte Steigerung der Eheschließungen in Deutschland zwischen 1918 und 1920 von 350.000 auf 900.000 hatte die prekäre Wohnungssituation ebenso verstärkt wie die Notwendigkeit der Unterbringung von annähernd 200.000 Flüchtlingsfamilien. Nur schleppend machte der Wohnungsbau in den ersten Nachkriegsjahren Fortschritte; trotz des 1924 beginnenden Baubooms überschritt die Anzahl fehlender Wohnungen im Deutschen Reich 1925 die Millionengrenze. Zur Bewältigung des Wohnalltags bot das von Walter Gropius gegründete Bauhaus Siedlungsalternativen zu den herkömmlichen Großstadtstrukturen und den traditionellen Bauformen an. Für ein optimales Alltagsleben prägten Standardisierung und rationalisierte Funktionalität die Wohnungen in neu angelegten Großsiedlungen.

Die Rationalisierung des Alltags sollte in der Weimarer Republik einen modernen und technisierten Haushalt erfassen, den sich allerdings normal verdienende Schichten kaum erlauben konnten. Dennoch lernte eine zunehmende Anzahl von Hausfrauen die Vorteile von Einbauküchen und von zeit- und kraftsparenden elektrischen Geräten wie Staubsauger oder Bügeleisen mit einer annähernd automatischen Temperaturregelung schätzen. Während körperbräunende Höhensonnen mit UV-Strahlen rare Luxusartikel blieben, war der 1928 von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) angebotene "Volksherd" für den Massenkauf konstruiert worden. Doch ließ die Versorgung mit Strom den flächendeckenden Großeinsatz von elektrischen Geräten - wie ihn die AEG auf zahlreichen Werbekarten propagierte - noch nicht zu, obwohl die Zahl stromversorgter Haushalte in Berlin z. B. zwischen 1925 und 1930 von 27,4 auf 76 Prozent anstieg. Zugleich hatte die 4,3-Millionen-Stadt Berlin mit fast 500.000 Anschlüssen Ende der Zwanziger die höchste Telefondichte der Welt.

Arbeitsersparnis im Haushalt kam vielfach den 35,6 Prozent Frauen zugute, die Mitte der zwanziger Jahre einer Erwerbstätigkeit nachgingen, vornehmlich als Hausangestellte, Fließbandarbeiterin, Verkäuferin, Sekretärin oder Stenotypistin. Selten hingegen waren jene emanzipierten Frauen anzutreffen, die in akademischen oder freien Berufen Karriere machten. Sie entsprachen dem von der Werbung propagierten Leitbild der modisch gekleideten "Neuen Frau" mit kurzgeschnittenem Bubikopf, die es verstand, sich männliche Symbole wie Rauchen, Sporttreiben oder Autofahren anzueignen. Ihr Drang nach einer bewußten Lebensplanung sollte dabei einhergehen mit einer modernen Einstellung zur Sexualität sowie dem Wunsch nach Geburtenregelung und legalem Schwangerschaftsabbruch. Abtreibungen, zumeist vorgenommen von Laien, waren vor allem Teil des proletarischen Frauenalltags. Einer illegalen Abtreibung, die in der Weimarer Republik jährlich bei bis zu einer Million Fällen lag, unterzogen sich die meisten Frauen nicht zum ersten Mal. Die Abwendung nichtehelicher Schwangerschaften war der häufigste Anlaß zu Eheschließungen. Trotz größerer Möglichkeiten zur "Selbständigkeit" lag der Lebensschwerpunkt der meisten Frauen in der Weimarer Republik nach wie vor im Haushalt und in der Familie, vor allem in den Dörfern.

Mit der Revolution von 1918/19 fielen die letzten noch bestehenden halbfeudalen Gesindeordnungen auf dem Lande. Dennoch hielt die im Kaiserreich einsetzende Landflucht und Urbanisierung in der Weimarer Republik an. Während der Bevölkerungsanteil der Großstädte bis 1933 auf ca. 30 Prozent anstieg, ging jener der Gemeinden mit weniger als 2.000 Einwohnern auf rund ein Drittel zurück. Parallel dazu reduzierte sich der Anteil der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft gegenüber dem Kaiserreich um 4 auf knapp 30 Prozent. Seit den zwanziger Jahren wurde das Land durch Elektrifizierung sowie durch die zunehmende Verbreitung des Telefons und des Rundfunks verstärkt in den Modernisierungsprozeß miteinbezogen. Trotz des Aufkommens der Lastkraftwagen und des Ausbaus der Verkehrswege dominierte auf dem Lande noch immer das Pferdefuhrwerk als Lastentransportmittel. Zu der physisch anstrengenden Landarbeit ohne nennenswerte Unterstützung durch Maschinen gab es kaum Alternativen. Dampfpflüge oder Melkmaschinen konnten sich bestenfalls große Gutswirtschaften leisten; und die ersten, Ende der zwanziger Jahre entwickelten Mähdrescher vermochten die während der Erntezeit eingesetzten Schnitterkolonnen nicht zu verdrängen.

Das harte Alltagsleben der Landbevölkerung mit im Sommer bis zu 18stündiger Arbeitszeit auf dem Felde spiegelte in keiner Weise die verbreitete "Agrarromantik" in der Weimarer Republik wider. Modernisierung und Fortschrittsglaube riefen als Gegenreaktion eine Rückbesinnung auf die Natur hervor. Der Bauer wurde als Symbolfigur deutschen Volkstums propagiert und sein "naturbezogener" Alltag verklärt. Dem Ruf "Zurück zur Natur" folgte die "auf Fahrt" gehende sozialdemokratische ebenso wie die Bündische Jugend, die als Pfadfinder oder Wandervögel singend und Gitarre spielend durch die Lande zog, um der städtischen Massenkultur und der "Amerikanisierung" des Alltagslebens zu entfliehen.

Viele dieser Jugendlichen gehörten der "verlorenen Generation" an, die einschneidende Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sammelte oder ohne Väter aufwachsen mußte. Die ihr nachfolgende "überflüssige Generation" mußte ab 1929 zumeist die bittere Erfahrung machen, während der Weltwirtschaftskrise auf einem überfüllten Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen zu können. Arbeitslosigkeit und Massenverelendung kennzeichneten in der Wirtschaftskrise die Alltagssituation breiter Bevölkerungsschichten. Resignation und Verzweifelung waren Begleiterscheinungen der Krise, in der Tausende ihr als nutzlos empfundenes Leben freiwillig beendeten. Andere erkannten in Adolf Hitler "die letzte Hoffnung" auf Arbeit und Auskommen. Unter den Bedingungen der Angst und Hoffnungslosigkeit von Millionen Menschen entfaltete die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ab 1930 eine Propaganda bisher unbekannten Ausmaßes, deren Erfolg ihr den Weg zur Machtübernahme 1933 ebnete.

(as)

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