Weimarer Republik (1918/19-1933)

 

 

I.               Die Folgen des 1. Weltkrieges: Friedensvertrag von Versailles

 

Der 1. Weltkrieg, der sich von 1914 bis 1918 über vier Jahre erstreckte und mit dem Frieden von Compiègne (11.Nov. 1918) endete, führte in Mittel- und Südost-Europa zu völlig veränderten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Während Großbritannien und Frankreich mehr oder weniger unverändert aus dem 1. Weltkrieg hervorgehen, kommt es besonders in Deutschland und Österreich, die den Krieg verloren, zu radikalen Transformationen. Im internationalen Kontext entstehen zwei neue Weltmächte: im Westen die USA, deren Eingriff im Krieg auf Seiten der Alliierten im Jahre 1917 eindeutig den Krieg entschied, und im Osten die aus der russisch-bolchewistischen Revolution entstandene Sowjetunion.

Sowohl die USA als auch die Sowjetunion werden auf die unmittelbare Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg einen entscheidenden Einfluß haben. Wie so oft in der historischen Entwicklung Deutschlands zu beobachten ist, wird auch in dieser Phase das Ausland zum auslösenden Faktor, zum Impuls für politische und gesellschaftliche Transformationen im Inneren.

Der Sieg der westlichen Demokratien und des inzwischen sozialistischen/kommunistischen Rußlands führt in Deutschland und Österreich  zum Bruch mit der Monarchie und der Gründung von Republiken im Sinne eines demokratischen Systems mit parlamentarischer Verfassung. Dieser Übergang verlief jedoch nicht problemlos. Die ersten deutschen und österreichischen Republiken waren nicht von allzu langer Dauer. Im Falle Deutschlands überlebte sie kaum zwölf Jahre, und auch in Österreich kann ab 1933 wohl kaum noch die Rede von einer Demokratie sein (siehe:Diktatur von Dollfuß).  Zu einem zweiten Anlauf, einem zweiten - glücklicherweise erfolgreicheren - Versuch zur Konsolidierung demokratischer Systeme in diesen beiden Ländern wird es erst nach dem zweiten Weltkrieg  kommen. Anders verhält es sich in der 1949 entstandenen DDR; dort geht man politisch einen alternativen Weg: das sozialistische Staatssystem, in dem der Parlamentarismus und die Freiheit des Individuums stark eingeschränkt ist oder überhaupt nicht existiert.

 

Schon der erste Tag der ersten deutschen Republik  verweist fast  paradigmatisch auf die ersten stürmischen, gar chaotischen Jahre der "jungen Demokratie": am 9. November, also zwei Tage vor dem offiziellen Ende des Krieges, wird die Republik gleich von zwei verschiedenen Personen ausgerufen. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die Deutsche Republik aus; wenig später proklamiert der Kommunist Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik. Damit beginnt die Auseinandersetzung über die Gestalt der neuen Republik, die in den ersten zwei bis drei Jahren der Weimarer Republik in Deutschland zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, den (Straßen-)Kämpfen führt: einerseits zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, und andererseits zwischen Links- und Rechtsradikalen, das heißt, zwischen den Anhängern eines marxistisch-sozialistischen, eines sozialdemokratischen  Deutschlands und dem völkisch-nationalistischen, reaktionären Lager.


Der Friedensvertrag von Versailles

Aber bevor wir uns mit den eigentlichen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen befassen, sollten zunächst vor allem die unmittelbaren Folgen des Krieges für Deutschland analysiert werden. Die Entstehung und Entwicklung der kurzen Weimarer Republik, besonders ihr endgültiges Scheitern, sind ohne eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes des Friedensvertrages von Versailles nicht ohne weiteres zu verstehen.

Der verlorene Krieg und der von den alliierten Siegesmächten ausgearbeitete Friedensvertrag von Versailles bedeuten insgesamt gesehen für Deutschland und Österreich einen starken Einschnitt. Zwar sind die Folgen auf politischer Ebene global als positiv einzuschätzen - denn die Monarchien wurden abgeschafft und Demokratien eingeführt - auf wirtschaftlicher Ebene aber, die immer sehr eng mit der Politik verbunden oder gar untrennbar verschweißt ist, bedeutete der verlorene Krieg und die daraus folgenden Forderungen der Sieger an Deutschland und Österreich einen starken Rückschlag, der zwölf Jahre später von den Faschisten propagandistisch genutzt wird und sie schließlich an die Macht führen wird.

 

Zusammenfassend besteht der Versailler Friedensvertrag aus folgenden Punkten:

 

·     Was territoriale Fragen angeht, so werden Deutschland und vor allem Österreich wesentlich verkleinert.

Deutschland muß im Westen den im deutsch-französischen Krieg von 1870 eroberten Elsaß an Frankreich abgeben; auch das wirtschaftlich so wichtige Saarland wird Frankreich als Ersatz für die Kriegsschäden angegliedert; außerdem sollten die linksrheinischen Gebiete entmilitarisiert werden; im Nordwesten geht das Gebiet Eupen-Malmédy an Belgien; im Osten entsteht der sogenannte "polnische Korridor", d.h. Preußen wird in zwei Teile geteilt, das dazwischen liegende Gebiet geht an Polen und ein Teil Ost-Preußens an Litauen und Danzig wird freie Stadt. Die territoriale Einheit Deutschlands wird insgesamt gesehen jedoch beigehalten, lediglich an den Rändern wird das deutsche Reich "beschnitten".

Österreichs territorialer Verlust ist wesentlich größer. Lediglich das Urgebiet der Habsburger, d.h. sozusagen der germanische Teil, bleibt als Österreichische Republik bestehen: Ungarn wird zum souveränen Staat, ebenfalls die Tschechoslowakei (die ihrerseits inzwischen zu zwei Staaten geworden ist); es entsteht das heute zerstückelte Jugoslawien und die Provinz Südtirol wird Italien angegliedert. Der Versailler Friedensvertrag bedeutet das Ende der berüchtigten "KuK-Monarchie", der Zusammenbruch "Kakaniens", wie Robert Musil diesen Viel-Völker-Staat nannte.

 

Was militärische Fragen betrifft, so wird das unter Wilhelm II. zur  militärischen Grobmacht gewordene Deutschland zur Abrüstung und einem auf 100.000 Berufssoldaten beschränkten Heer gezwungen. Aus diesem elitären Berufsheer, das von Natur aus politisch reaktionär ist und sich mit der jungen Demokratie nicht identifizieren wird, wird später das Werkzeug Hitlers bei seiner Machtübernahme werden.

 

Auf wirtschaftlicher Ebene wird Deutschland eine sehr schwere Schuld aufgetragen. Es werden sogenannte Reparationen gefordert, die Deutschland  nicht in der Lage war zu zahlen. Wenn man in Betracht zieht, wieviel  Deutschland für Rüstung, für den Krieg investiert hatte und wie sehr die Wirtschaft durch den modernen, höchst zerstörerischen Krieg in eine beinah katastrophale Lage geraten war, so waren die geforderten Reparationssummen, selbst wenn Deutschland zu einer Zahlung bereit gewesen wäre, einfach utopisch. Hätte es die faschistische Revanche der Nazis nicht gegeben, so hätte Deutschland noch bis 1988 Reparationen an die Sieger des 1.Weltkrieges zahlen müssen. Hinzu kam, daß wichtige Wirtschaftsgebiete wie das Saarland verlorengegangen waren.

 

·     Psychologisch gesehen, wurden Deutschland und Österreich gezwungen, die gesamte Kriegsschuld anzuerkennen. Dies bedeutete, daß viele Deutsche und Österreicher, besonders die konservativen, patriotischen Bevölkerungsschichten, sich in ihrem Nationalgefühl erniedrigt fühlten und im Versailler Friedensvertrag lediglich die Rache des Erzfeindes Frankreich sehen wollten. Die rechtsradikalen Kräfte, besonders durch die Propaganda der 1920 gegründeten National-Sozialistischen-Arbeiterpartei, erkennt diese Mißstimmung. Indem sie fortwährend vom "Versailler Diktat" und der deutschen Revanche spricht, zieht sie immer mehr Wahlstimmen an, bis sie schließlich  die große Wirtschaftskrise Ende der 20er Anfang der 30er Jahre ausnutzend die Mehrheit bei den Wahlen des Jahres 1932 erreicht und somit zur Regierung berufen wird.


II. Die Weimarer Republik (1918/19 - 1933)

 

1) Einflüsse aus dem Ausland und die November-Revolution (1918)

 

Seit spätestens der Zeit der Französischen Revolution von 1789 stand die innere Entwicklung Deutschlands - auf politischer, sozialer und kultureller Ebene - unübersehbar  unter einem mehr oder weniger starken Einfluß des Auslandes. So paradox es auf den ersten Blick wirken mag, Deutschland verdankt seinen "nationalen Charakter" dem Ausland. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts schien so etwas wie ein deutsches Nationalgefühl, eine nationale Identifikation keinen Raum in den Köpfen, den Denkmustern der Deutschen  einzunehmen. Die Forderungen nach einem einheitlichen deutschen Nationalstaat auf Grundlage der Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit und der rechtlichen Gleichheit stammten aus dem Ideengut der Nordamerikaner und Franzosen, das von der deutschen Aufklärung assimiliert wurde.

Die durch "Blut und Eisen" erreichte nationale Einigung von 1871 war ihrerseits von der Beziehung mit dem Ausland, einem Krieg mit dem "Erzfeind" Frankreich ausgegangen.

Anscheinend waren die Deutschen niemals in der Lage, von sich aus, von innen heraus organische soziale oder politische Transformationen zu bewirken. Diese Situation wird sich - mit Ausnahme der 12 Jahre des deutschen Faschismus, das bekanntlich katastrophale Ausmaße annahm - bis zur Wiedervereinigung im Jahre 1990 fortsetzen.

Auch die erste geglückte demokratische, republikanische Revolution in Deutschland stellt in diesem Kontext keine Ausnahme dar. Die Einflüsse des Auslandes sind auch bei dieser innenpolitischen und sozialen Transformation ausschlaggebend.

 

Erst unter dem Einfluß der bolchewistischen Revolution der Kommunisten in Rußland des Jahres 1917 und den Vorbildern der westlichen demokratischen Systeme in Großbritanien, Frankreich und den USA, also der politischen Systeme der alliierten Siegermächte, konnte es in Deutschland ebenfalls zu einer Republik mit demokratischen Prinzipien kommen.

Dies bedeutet jedoch nicht, daß es innerhalb Deutschlands bis dahin keine Demokraten gegeben hätte. Wie Sie wissen, hatte sich auch in Deutschland während des 19. Jahrhunderts eine ziemlich starke demokratisch-liberalistische Bewegung und eine gut organisierte Arbeiterbewegung entwickelt. Daß die Sozialdemokraten zu Beginn des 20. Jahrhunderts im deutschen Reichstag eine Mehrheit besaßen, ist dafür ein Beweis. Jedoch wurden diese demokratischen und humanistischen Tendenzen von einem konservativen, autoritären Staat unterdrückt.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts muß man eigentlich von zwei Deutschland sprechen: einem in sich zersplitterten deutschen Reich stand schon damals das andere Deutschland, die deutsche Kulturnation der lyrischen Dichtung, der humanistischen Philosophie, des pazifistischen Weltbürgertums (Kosmopolitismus) gegenüber. Fügt man diesen Aspekten noch die Entwicklung der neueren Bewegungen der politischen Linken, der Demokratie und des Sozialismus, im Laufe des 19. Jahrhunderts hinzu, so ist die Weimarer Republik als der erste - von 1918 bis etwa 1930 - im Großen und Ganzen gelungene Versuch oder Chance dieses anderen, politisch unterdrückten Deutschlands zu sehen.

Denn zum ersten Mal in der deutschen Geschichte "gab die Weimarer Republik Außenseitern - Demokraten, Kosmopoliten, Juden - die Möglichkeit, Stellungen in Gesellschaft, Geschäftsleben, Universität und Politik einzunehmen, die ihnen bislang versagt worden waren. Und dieser Umbruch gab der Republik ihren eigenartigen, einzigartigen Charakter: lebhaft, oft hektisch; produktiv, aber auch gefährdet". (Peter Gay: Die Republik der Außenseiter, 1968)

Die etwa 15 Jahre lang dauernde  Weimarer Republik kann in der Tat nur mit ambivalenten, wenn nicht gar antagonen Adjektiven Beschrieben werden. Sie war modern und doch keimte in ihr bereits die "zurückgewandte Modernität" des Faschismus; sie war gesellschaftlich und kulturell sehr produktiv, politisch aber chaotisch, von ständigen politischen Kämpfen zwischen Linken und Rechten gekennzeichnet; sie war unstabil, und doch spricht man von den "Goldenen Zwanzigern". Insgesamt gesehen könnte diese Zeit der Weimarer Republik als etwas anachronistisches innerhalb der historischen Entwicklung Deutschlands bezeichnet werden, als Ausnahme im deutschen Geschichtsprozeß, als etwas, das dem Geist, der  Mentaliät der Zeit voraus war, als Experiment, als Versuch der Verwirklichung des anderen Deutschlands, das schließlich dem traditionell überwiegenden reaktionären Deutschlands des Militarismus, der agressiven Außenpolitik, der absoluten Disziplin und Gehorsamkeit, des krankhaften Formalismus weichen muß. Die Weimarer Republik konnte schließlich der Bedrohung der reaktionären Autorität, den vielfältigen Handicaps nicht widerstehen.

Diesen ständigen Druck, den die Republik innenpolitisch von den rechten Kräften und außenpolitisch von dem Versailler Vertrag und der internationalen Wirtschaftslage erfahren muß, läßt sich an verschiedenen Aspekten aufzeigen.

 

2) Die (vier) Phasen der Weimarer Republik und ihre Handicaps

Dazu bietet sich methodisch am besten eine Aufteilung nach verschiedenen Perioden der Weimarer Republik an:

 

a) November 1918 - Juli 1919: Zeit der Revolution und des Beginns

b)August 1919 - Dezember 1923: Die Zeit der Wirren

c)Dezember 1923 - Oktober 1929: Die Goldenen Zwanziger Jahre

d)Oktober 1929 - Januar 1933: Der Anfang vom Ende und der Weg in die Barbarei

 

a) Der erste Weltkrieg ging in Deutschland mit der sogenannten Novemberrevolution zu Ende.

Mit der Ausrufung der "deutschen Republik" durch den Sozialdemokraten Scheidemann am 9. November des Jahres 1918 wurde in Deutschland die Monarchie abgeschafft und die 1. demokratische Republik in diesem Lande gegründet. Dieser Übergang von der Monarchie zur Republik verlief  jedoch nicht so radikal, wie es viele Revolutionäre gewünscht hatten.

Die SPD, die zunächst die Macht übernahm, war seit 1914 gespalten. Während der linke Flügel  in der USPD (Unabhängige SPD) und im Spartakusbund (später KPD) versuchte, durch die Organisation von Arbeiterräten eine Räterepublik nach sowjetischem Muster vorzubereiten, verfolgte die Mehrheits-SPD unter dem ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert das Modell eines bürgerlichen Parlamentarismus und basierte sich dabei weitgehend auf das Prinzip der Kontinuität in der Verwaltung. Damit sollte das Chaos in dieser Übergangsphase reduziert werden, was jedoch nicht völlig gelingt. Dieser Kampf innerhalb der revolutionären Linken kennzeichnet die erste Phase der Weimarer Republik. Es ist die Zeit der Wirren und des Beginns, in der die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten offen auf der Straße ausgetragen werden. Es herrschen bürgerkriegsähnliche Verhältnisse. Obwohl die Sozialdemokraten im neuen republikanischen und demokratischen Deutschland versuchen, eine Alternative zur militaristischen Tradition Preußens und des Kaiserreichs zu schaffen, scheuen sie sich nicht davor die Hilfe der Polizei, des Militärs und der reaktionären Milizen (Freikorps) gegen radikale sozialistisch-kommunistische Aufstände in Anspruch zu nehmen.  Dieselben militärischen Kräfte, welche die Republik gegen linke Angriffe zu schützen vorgab, stellten jedoch auf der rechten Seite eine ebenso große politische Gefahr dar.


Im Januar gingen die Gewalttaten rechtsradikaler Kräfte in kämpferischer Form der Freikorps soweit, daß zwei führende Persönlichkeiten des Spartakusbundes (Kommunisten), Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet wurden. Der Kampf vor den anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 hatte sich bis zur grenzenlosen Gewalt radikalisiert.

Aus diesen ersten Wahlen gingen die Sozialdemokraten als die weitaus stärkste Partei hervor. Mit der katholischen Partei des Zentrums, einer Mischung aus Monarchisten und milden Republikanern, mit der neu gegründeten Demokratischen Partei der bürgerlichen Intellektuellen und progressiven Industriellen bildete die SPD die große Weimarer Koalition. Die Opposition bestand neben der radikaleren Unabhängigen SPD, die nicht einmal 10% der Wahlstimmen erreichten, vor allem aus konservativen oder reaktionären Parteien: die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), das waren die konservativen Kräfte des Kaiserreichs (ca. 10%) und die neu gegründete Deutsche Volkspartei (DVP - ca. 5%). Die Weimarer Koalition hatte eindeutig über die Links- und Rechtsradikalen gesiegt. Die Kommunisten stellten sich somit als ziemlich ungefährlichen Gegner heraus; die rechtsradikalen Kräfte jedoch hatten gezeigt, daß ein wesentlicher Teil der Bevölkerung gegen eine demokratische Republik gestimmt war, die in der Folgezeit der Weimarer Republik in der Politik ein bedeutendes Gewicht haben würde und schließlich sogar ihr Ende herbeiführen würde.

Mit diesen ersten Wahlen und der Verabschiedung der Weimarer Verfassung ist der erste Sturm, sind die ersten Wirren des Beginns der jungen Republik überwunden.

Am 31. Juli 1919 wird die Verfassung verabschiedet. Es war eine Verfassung des Kompromisses zwischen den sozialdemokratischen, den liberal-progressiven aber auch den konservativen politischen Vorstellungen. Insgesamt aber stellte sie einen tiefen politischen Einschnitt in der deutschen Geschichte dar: Deutschland wurde eine demokratische Republik; alle Bürger über zwanzig - also auch Frauen - durften/sollten den Reichstag wählen; Deutschland blieb ein Bundesstaat, doch wurden die Rechte der Bundesländer erheblich eingeschränkt. Deutschland erhielt jedoch kein rein parlamentarisches Regime, sondern die Verfassung gab ihm einen starken Präsidenten der auf 7 Jahre direkt vom Volk gewählt wurde. Der Reichspräsident konnte das Parlament auflösen, den Kanzler ernennen und entlassen und die Regierungsgewalt übernehmen, "wenn" -  laut  Artikel 48 "die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird". Besonders moderne Aspekte dieser Verfassung waren die Methoden des Verhältniswahlrechts und  die Plebiszite/Referenden.

Deutschland erhielt eine neue Nationalflagge, um den Wunsch eines klaren Bruches mit dem Kaiserreich zu zeigen: Schwarz-Rot-Gold, die Farben der 1848er-Revolution.

 

 

b) August 1919 - Dezember 1923:Die Zeit der Wirren

Im August 1919 war also die Republik verfassungsmäßig, juristisch etabliert. Die linksradikalen revolutionären Vorstellungen waren abgewehrt. Aber die Zeit der Wirren war noch nicht zu Ende. Die schwierige wirtschaftliche Lage, in die Deutschland durch den Krieg gebracht worden war, die steigende Inflation und die schweren Lasten, die aus dem Ausland durch den Friedensvertrag von Verailles den Deutschen aufgetragen worden waren, gaben den antirepublikanischen Kräften politischen Mut. Vom Lager der Rechten, der Anti-Demokraten drohte eine große Gefahr. Der Kapp-Putsch im März 1920, der scheiterte, war der erste ernsthafte Versuch einer Gegenrevolution. Militarismus, konterrevolutionäre Parolen und die direkte Aktion auf der Straße nahmen zu. Als die wirtschaftliche Lage zunehmend schlechter wurde, wurden auch die antisemitischen Kräfte in Deutschland immer lauter. Sprüche, die in den Studentenkneipen und bei den Rechten waren, häufen sich. Der Vers "Knallt ab den Rathenau, die gottverdammte Judensau!" wurde im Juni 1922 in die Realität umgesetzt: Außenminister Rathenau, jüdischer Abstammung, wurde ermordet. Die radikalen antisemitischen Tendenzen, die durch den deutschen Faschismus, dem Nationalsozialismus, bis zum organisierten Massenmord von sechs Millionen Menschen radikalisiert werden sollten, zeigten sich innerhalb der rechten Kreise schon während der Weimarer Republik. Der Mörder wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, mußte dann aber nur 7 Jahre im Gefängnis verbleiben. Ihre Feinde behandelte die (sozialdemokratische) Republik also recht milde. Die tatsächliche Gefahr von Rechts konnte oder wollte von der Sozialdemokratie nicht erkannt werden.

Als dann Deutschland ab 1922 die Reparationen an die Alliierten nicht pünktlich auszahlte, spitzten sich diese innenpolitischen Wirren zu. Die Franzosen interpretierten diese Verspätung der Reparationszahlungen als bewußte Sabotage des Versailler Vertages von Seiten Deutschlands. Im Januar 1923 besetzten französische Truppen das Ruhrgebiet, um die Fabriken selber zu leiten. Es kam zu gewaltsamen, blutigen Kämpfen im Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung rief zum passiven Widerstand auf. Es gab ständige Streiks, Demonstrationen und Sabotageakte. Damit stoppte die Produktion. Die Brachlegung des wichtigsten deutschen Industriegebietes bedeutete einen starken wirtschaftlichen Rückschlag. War die wirtschaftliche Lage vorher schon sehr schlecht, so nahm sie jetzt fast katastrophale Ausmaße an. Die Inflation war nicht mehr zu halten. Die deutsche Währung verfiel von Tag zu Tag. Mitte 1923 kostete in Deutschland ein  Brot nicht mehrere tausend oder Millionen Mark sondern Billionen Mark; ein Ei zum Beispiel kostete im Oktober 1923 150 Billionen Mark. Die Arbeitslosenzahlen stiegen rapide; viele Arbeiter lebten bereits am Existenzminimum; die Ersparnisse des mittelständigen Bürgertums gingen verloren. Eine Proletarisierung der Mittelstände, d.h. des Kleinbürgertums, war unübersehbar. Die daraus folgende Krise der Wirtschaft stärkten nun immer mehr das schon existierende Mißtrauen großer Bevölkerungsteile gegen die Weimarer Republik. Am 9.November 1923 versuchten dann die Führungspersonen einer 1920 in München gegründete rechtsradikale Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), einen Putsch: Hitler, Goering und Ludendorff aber scheiterten. Hitler wurde angeklagt und erhielt die Mindeststrafe von fünf Jahren, war aber effektiv nur acht Monate im Gefängnis (wo er sein Buch "Mein Kampf” schrieb). Auch in diesem Fall handelte die demokratische Republik sehr milde mit einem Gegner, einem gefährliche Agitator, der nicht einmal zehn Jahre später das endgültige Ende der Weimarer Republik herbeiführen sollte.

 

c) Dezember 1923- Oktober 1929: Die Goldenen Zwanziger Jahre

Als dieser Versuch des Putsches der Rechtsradikalen abgewehrt worden war und die Inflation durch eine Währungsreform einigermaßen unter Kontrolle geraten war, begann Ende 1923 eine ruhigere Phase, die Zeit der Stabilität in der Weimarer Republik.

Die Periode von Ende 1923 bis Oktober 1929, als es an der Börse von Wallstreet zum Crash und somit zur großen Weltwirtschaftskrise kommt, sind bekannt geworden als die Goldenen Zwanziger Jahre.

Diese kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit der deutschen Gesellschaft zwischen 1923 und 1929 ist im wesentlichen auf die außenpolitische Stabilisierung Deutschlands, der friedlichen Annäherung mit dem Ausland zurückzuführen.

Mit dieser Phase der deutschen Auslandspolitik ist der Name des Außenministers Gustav Stresemann verbunden. Stresemann ist als Außenminister des Kompromisses bekannt geworden, da man von ihm sagte, daß er so gut wie kein anderer mit den Siegern des Krieges, vor allem mit dem traditionellen Feind Frankreich verhandeln konnte. Zusammen mit dem französischen Außenminister Briand erhielt Gustav Stresemann Ende der zwanziger Jahre sogar den Friedensnobelpreis als Anerkennung für seine Annäherungs-und Friedenspolitik.


Die wichtigsten Etappen der deutschen Außenpolitik dieser Zeit sind:

 

1) Dawes Plan  (1925): - Auszug der französischen Truppen aus dem Ruhrgebiet.

                                      - beträchtliche Ermäßigung der Reparationen

                                      - (Auslands-)Kredite für Deutschland

2) Locarno-Pakt (1925): zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien

und Italien: Anerkennung der damaligen Westgrenze Deutschlands

und friedliche Lösungen der Streitfragen zwischen den Ländern.

3)  1926 Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (=Vorläufer der UNO)

4) Rapallo - Vertrag (1926): zwischen Deutschland und der Sowjetunion.

                                             Die SU verzichtet auf die Reparationszahlungen.

Wirtschaftliche Kooperation.

5) Kellogg-Pakt (1928): - Friedenspakt Deutschland und Frankreich

- Verurteilung des Krieges als Instrument internationaler Poltik

 

Diese Friedenspolitik Stresemanns zwischen 1923 und 1929, dem Jahr als er starb, führten zu einer inneren wirtschaftlichen und somit sozialen Stabilisierung. Die deutsche Industrie konnte sich durch billige Auslandskredite modernisieren; die Zahl der Arbeitslosen sank. Lediglich die Rechtsradikalen waren mit der pazifistischen Auslandspolitik unzufrieden, da sie diesen Kurs des DVP-Mitglieds Stresemanns für Deutschland als eine Erniedrigung interpretierten. Aber solange die Wirtschaft florierte, der soziale Friede gewährleistet war, konnte die Rechte keinen allzu großen Einfluß auf die Wählerschaft ausüben.

Diese Situation konnte sich aber sehr schnell ändern, sobald die wirtschaftliche und soziale Stabilität in Frage gestellt wurde.

 

d) Oktober 1929 - Januar 1933: Der Anfang vom Ende und der Weg in die Barbarei:

Das Jahr 1929 wird sich für das sich im Aufschwung befindende Deutschland als ein fatales Jahr erweisen. Anfang Oktober stirbt Stresemann. War der Tod dieses begabten Friedensdiplomaten nicht die Ursache, so doch mindestens ein Anzeichen dafür, daß der Anfang vom Ende gekommen war.

Ende Oktober 1929 kam der Crash an der Börse in Wallstreet. Da Deutschlands Wirtschaft in den zwanziger Jahren zu großen Teil auf ausländischen, vor allem amerikanischen Krediten basierte, wurde es natürlich besonders hart von der Weltwirtschaftskrise getroffen. Die deutschen Exporte wurden immer geringer, aus dem Ausland kamen keine Kredite mehr, die Konkurse vervielfältigten sich, die Arbeitslosigkeit nahm sprungartig zu.

Die Sozialdemokraten plädierten für eine Erhöhung der Arbeitslosengelder, aber ihre Koalitionspartner des Zentrums und der Deutschen Volkspartei, die im Wesentlichen die Arbeitgeber vertraten, waren dagegen. Die große Koalition von Weimar zerfiel und die Regierung trat zurück.

Der konservative Reichspräsident Hindenburg, ein General, ein Kriegsveteran aus dem ersten Weltkrieg, der dem Sozialdemokraten Ebert nach seinem Tode 1925 als Reichspräsident folgte, berief eine Regierung unter der Führung des konservativen Katholiken Brüning (Zentrum). Als Finanzexperte versuchte Brüning ein Programm durchzusetzen, das auf einer Deflationspolitik basierte, in der höhere Steuern und die Kürzung der Ausgaben des Staates maßgebend waren. Es war eine Politik, die die Konservativen, die Firmenbesitzer und Industriellen ermunterte und auf Kosten der Arbeiter ausgetragen werden sollte. Dennoch blieben die rechten nationalistischen Parteien unzufrieden. Über das Programm Brünings gab es im rechten Lager keine Einigkeit und der Reichspräsident regiert ab Mitte 1930 auf Grundlage des Artikels 48.


Das heißt, ab 1930 ist das demokratische parlamentarische System der Weimarer Republik aufgehoben. Deutschland wird nicht mehr von einer vom Volk gewählten Regierung, sondern von einer Regierung, die der Präsident auf legaler Basis des § 48 nach seinem Wunsch ein- oder auch absetzt. Bis Ende 1932 werden die Regierungen hauptsächlich von Adligen (Aristokraten/"Junkern") wie z. B. von Papen und führenden Persönlichkeiten aus der Industrie besetzt. Es schien fast so, als ob es gar keine Revolution  gegeben hätte.

 

Ab 1930 hatte die NSDAP unter der Führung Hitlers eine massive propagandistische Aktion gegen die Republikaner, die sogenannten "Novemberverbrecher" - die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Juden - geführt, die anscheinend bei einem großen Teil der deutschen Bevölkerung Sympathie fand.  Neben dieser klug geführten Propaganda setzten die Nationalsozialisten aber auch auf Terror, auf Einschüchterung ihrer Gegner. In der Öffentlichkeit wurden blutige Gewaltaktionen gegen Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden ausgeübt.

Im Juli 1932 gab es Neuwahlen: als großer Sieger ging die NSDAP hervor mit doppelt soviel Wahlstimmen wie die Sozialdemokraten. Die NSDAP erreichte etwa 35% und bei den Neuwahlen im November des selben Jahres etwa die gleiche Stimmenzahl.

Somit waren die Nazis die stärkste Partei und Hitler wird am 30. Januar des Jahres 1933 auf legalem, demokratischen Wege, von Hindenburg zum Kanzler ernannt.

Der 30. Januar 1933 war die Sterbestunde der Weimarer Republik, das Ende dieses ersten deutschen republikanischen und demokratischen Experimentes, der Anfang eines dunklen, barbarischen Zeitalters, und das nicht nur für Deutschland sondern für die gesamte Menschheit, für die Zivilisation schlechthin. Die humanistischen Ideale, für die etliche Menschen fünfhundert Jahre lang gekämpft hatten und gestorben waren, der optimistische Glaube der Aufklärung an einen fortschreitenden Weg der Zivilisation in die Freiheit und das Glück des Individuums und der Menschheit schienen von einem vormittelalterlichen Zivilisationspessimismus, vom Faschismus zerstört worden zu sein. Wie dieser Rückfall in die Barbarei sich vollziehen sollte, darüber werden Sie dann in den nächsten Stunden über den Nationalsozialismus näheres erfahren.

 

© Mário Matos, 1996

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